Wie bereitet man das Immunsystem auf den Herbst vor? Ein Wundermittel sollten Sie gar nicht erst suchen
25.8.2026 · 5 min Lesung
Mit dem Herbst tauchen wieder regelmäßig Werbeanzeigen für Präparate auf, die das Immunsystem „stärken“, „ankurbeln“ oder „in Schwung bringen“ sollen. Doch das Immunsystem ist kein Motor, den wir im September neu starten müssten.
Mit dem Herbst tauchen wieder regelmäßig Werbeanzeigen für Präparate auf, die das Immunsystem „stärken“, „ankurbeln“ oder „in Schwung bringen“ sollen. Doch das Immunsystem ist kein Motor, den wir im September neu starten müssten. Und eigentlich wollen wir auch gar nicht, dass es möglichst stark arbeitet. Wir wollen, dass es richtig und angemessen reagiert.
Bei einem gesunden Menschen gibt es deshalb in der Regel keinen Grund, vorbeugend mehrere verschiedene immunstimulierende Präparate einzunehmen. Das Wichtigste ist viel schlichter – und gerade deshalb übersehen wir es manchmal.
Was können wir also für unser Immunsystem tun?
Ausreichend schlafen. Schlaf ist keine verlorene Zeit. Ein langfristiges Schlafdefizit belastet den Körper und beeinträchtigt auch die Fähigkeit des Immunsystems, angemessen zu reagieren.
Sich regelmäßig bewegen und nach draußen gehen. Wir müssen weder einen Marathon laufen noch täglich ins Fitnessstudio gehen. Regelmäßige, moderate Bewegung, idealerweise an der frischen Luft, reicht aus. Für die allgemeine Widerstandsfähigkeit des Körpers ist Regelmäßigkeit wichtiger als sportliche Höchstleistung.
Sich abwechslungsreich ernähren. Gemüse, Obst, hochwertige Eiweißquellen, Vollkornprodukte und natürlich fermentierte Lebensmittel sind in der Regel eine bessere Investition als mehrere Packungen Nahrungsergänzungsmittel. Vitamine und Spurenelemente gezielt zuzuführen ist vor allem dann sinnvoll, wenn tatsächlich ein Mangel besteht.
Vitamin D nicht vergessen. In unseren Breitengraden ist der Vitamin-D-Spiegel vor allem im Winter häufig niedrig. Aber auch hier gilt nicht „viel hilft viel“. Ziel ist nicht die Einnahme von Megadosen, sondern einem Mangel vorzubeugen.
Regelmäßig lüften. In den Herbst- und Wintermonaten verbringen wir mehr Zeit in geschlossenen Räumen, und Atemwegsinfektionen verbreiten sich in schlecht gelüfteten Räumen leichter. Regelmäßiges Lüften zu Hause, am Arbeitsplatz und in der Schule ist eine einfache und überraschend wirksame Maßnahme.
Die Schleimhäute pflegen. Überheizte Räume und trockene Luft trocknen die Schleimhäute von Nase und Atemwegen aus. Diese bilden jedoch eine unserer ersten Verteidigungslinien gegen Infektionen.
Infekte nicht verschleppen. Wenn wir uns eine Infektion eingefangen haben, braucht der Körper Zeit zur Erholung. Fieber, Müdigkeit oder Schmerzen sind nichts, was man um jeden Preis überwinden sollte. Ruhe und Erholung sind Teil der Behandlung.
Impfungen nutzen, wo sie sinnvoll sind. Im Gegensatz zur allgemeinen „Stärkung des Immunsystems“ ist eine Impfung eine sehr gezielte Möglichkeit, das Immunsystem auf eine bestimmte Infektion vorzubereiten. Welche Impfungen sinnvoll sind, hängt von Alter, Gesundheitszustand und individuellen Risikofaktoren ab.
Und was ist mit Beta-Glucanen?
Beta-Glucane sind natürliche Polysaccharide, die zum Beispiel in den Zellwänden von Hefen und bestimmten Pilzen vorkommen. Manche von ihnen können die angeborene Immunantwort beeinflussen und werden deshalb als immunmodulierende Präparate eingesetzt.
Das bedeutet aber nicht, dass ab September jeder Beta-Glucane einnehmen sollte.
Sinnvoll können sie vor allem für Menschen sein, die unter wiederkehrenden Atemwegsinfektionen leiden. Für einige gut definierte Präparate, etwa Pleuran aus dem Austernpilz, gibt es klinische Studien, die eine Verringerung der Zahl respiratorischer Infektionen zeigen. Die meisten Erfahrungen liegen bislang bei Kindern vor, die häufig unter Infektionen leiden.
Dabei ist wichtig zu wissen, dass „Beta-Glucan“ nicht ein einzelnes, konkretes Präparat bezeichnet. Die einzelnen Produkte können sich in Quelle, Struktur, Reinheit und Dosierung deutlich unterscheiden. Dass die Wirkung bei einem standardisierten Präparat nachgewiesen wurde, bedeutet deshalb nicht automatisch, dass jedes Produkt mit der Aufschrift „Beta-Glucan“ genauso wirkt.
„Bei Beta-Glucanen ist es wichtig, zwischen den einzelnen Präparaten zu unterscheiden. Wenn wir klinische Daten für ein bestimmtes standardisiertes Präparat haben, können wir diese Ergebnisse nicht automatisch auf alle Produkte übertragen, die Beta-Glucan enthalten“, betont MUDr. Karin Černá.
Für einen ansonsten gesunden Menschen, der im Winter ein- oder zweimal einen gewöhnlichen Virusinfekt durchmacht, ist Beta-Glucan also keineswegs ein unverzichtbarer Bestandteil der Hausapotheke – kann aber für Menschen, die häufiger krank werden, eine sinnvolle Unterstützung sein.
Und was ist mit Bakterienlysaten?
Bakterienlysate enthalten Bestandteile von Bakterien, die häufig an Atemwegsinfektionen beteiligt sind. Sie sind nicht zur Behandlung einer bereits bestehenden akuten Infektion gedacht. Ihr Ziel ist es, die mukosale und systemische Immunantwort gewissermaßen zu „trainieren“ und das Risiko weiterer Infektionen zu senken. Bei manchen Patienten mit wiederkehrenden Atemwegsinfektionen können sie deren Häufigkeit verringern, insbesondere bei Kindern und ausgewählten Risikogruppen.
Auch Bakterienlysate sind jedoch nicht etwas, das jeder vorbeugend einnehmen sollte. Deutlich sinnvoller sind sie als gezielte Prävention bei Menschen, die immer wieder erkranken. Ob ihr Einsatz sinnvoll ist, sollte anhand von Alter, Art der Infektionen und allgemeinem Gesundheitszustand beurteilt werden.
Was also in der Apotheke kaufen?
Bei einem gesunden Menschen ohne wiederkehrende Infektionen lautet die Antwort überraschend oft: nichts Besonderes.
Wenn aber jemand jeden Winter eine Infektion nach der anderen durchmacht, lohnt es sich zunächst herauszufinden, warum das so ist. Manchmal kann es sinnvoll sein, Vitamin D zu ergänzen; bei manchen Patienten kann ein standardisiertes Beta-Glucan oder ein Bakterienlysat in Erwägung gezogen werden.
Sind die Infektionen jedoch ungewöhnlich häufig, schwer oder kompliziert, ist es besser, nach ihrer Ursache zu suchen, statt nach und nach das ganze Regal mit der Aufschrift „für die Immunabwehr“ durchzuprobieren.
„Ein stärkeres Immunsystem bedeutet nicht automatisch ein besseres Immunsystem. Bei Allergien oder Autoimmunerkrankungen liegt das Problem nicht einfach darin, dass das Immunsystem schwach wäre. Im Gegenteil: Es kann zu intensiv oder in die falsche Richtung reagieren. Unser Ziel ist es daher nicht, das Immunsystem wahllos zu stimulieren, sondern seine richtige Regulation und eine angemessene Reaktion zu unterstützen“, erklärt MUDr. Karin Černá.
Wann ist ein Besuch beim Immunologen sinnvoll?
Ein Schnupfen oder mehrere gewöhnliche Virusinfekte im Laufe von Herbst und Winter bedeuten noch keine Störung des Immunsystems.
Aufmerksam werden sollten wir eher dann, wenn Infektionen auffällig häufig, schwer, langwierig oder kompliziert verlaufen, wenn wiederholt Lungenentzündungen auftreten oder eine ungewöhnlich intensive oder wiederholte Antibiotikatherapie erforderlich ist.
Dann lohnt es sich, nach der Ursache zu suchen und die Behandlung gegebenenfalls gezielt auf den konkreten Befund abzustimmen.
Die beste Vorbereitung des Immunsystems auf den Herbst bleibt somit erfreulich unspektakulär: gut schlafen, sich regelmäßig bewegen, ausgewogen essen, nach draußen gehen, regelmäßig lüften und dem Körper Ruhe gönnen, wenn wir krank werden. Beta-Glucane oder Bakterienlysate können vor allem dort nützlich sein, wo es für ihre Einnahme einen konkreten Grund gibt.
